Geschichte von Schloß Wolfpassing

Die erste urkundliche Erwähnung Wolfpassings findet sich im landesfürstlichen Urbar aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wo eine Hofstatt zu Wolfpazingen im Besitz des Landesfürsten ausgewiesen ist. Als Adelssitz ist Wolfpassing erst relativ spät belegt. Als erstes hier nachweisbares Geschlecht kommen die aus dem Mühlviertel stammenden Wolfsteiner in Betracht, die ab 1274 anlässlich lokaler Rechtsgeschäfte in dieser Gegend begegnen. Möglicherweise gelag es ihnen, über das landesfürstliche Burggrafenamt in den Besitz Wolfpassings zu kommen. Der erste Angehörige dieser Familie, der mit Wolfpassing in Verbindung gebracht werden könnte, ist Otakar Wolfstein, der 1353 eine Stiftung an die Kirche zu Steinakirchen bezeugt. 1391 ist jedenfalls sein Sohn Gilig als Besitzer von Wolfpassing belegt.
1480 gelangte Wolfpassing durch eine Erbtochter der Wolfsteiner an die aus Krain gebürtigen Freiherren Auersperg. Ihnen folgte 1609 der eifrige Protestant Wilhelm von Hofkirchen, dessen Besitz nach der Schlacht am Weissen Berg zunächst konfisziert wurde, jedoch seiner Gattin und seinen Nachkommen wieder zurückgestellt wurde. 1635 erwarb Graf Siegmund von Abensperg und Traun das Gut. Durch eine Angehörige dieses Geschlechts fiel der Besitz an die Freiherren von Geymann.
Die mittelalterliche Veste in Wolfpassing hat ähnlich wie Ernegg im 16. Jahrhundert einen neuzeitlichen Umbau zum Schloss erfahren. In Vitschers Ansicht von 1672 darf man mit Recht im wesentlichen den Zustand des 16. Jahrhunderts unmittelbar vor dem entscheidenden Umbau des 17. Jahrhunderts sehen. Das mächtige, viergeschoßige, beinahe quadratische Schloss hatte damals nur an der Ostseite runde Ecktürme mit spitzen Kegeldächern, während über der Mitte der Westfassade ein mächtiger Uhrtrum mit Zwiebelhelm aufragte, die Ecktürme aber noch nicht standen. Die ganze Anlage war mit einer Umfassungsmauer bewehrt, die auch noch eine Reihe von Nebengebäuden einschloss. Interessant ist der heute nicht mehr existierende polygonale Turm vor der Nordfront, der kaum wehrhaften Zwecken gedient haben kann. Das Schloss selbst hatte im obersten Geschoß zwischen den Fenstern eine Reihe von Schießscharten. Im Gegensatz zu den mittelalterlichen Burgen dienten diese Schlösser nicht mehr echten Verteidigungszwecken und sie waren daher höchstens in der Lage, brennenden und plündernden Horden, nicht aber einem regelrechten militärischen Angriff standzuhalten. Aus dieser Wandlung in der Funktion zum ländlichen Herrensitz ist die architektonische Entwicklung von der Burg zum Schloss zu verstehen.
1723 kaufte Leopold Karl Graf Zinsendorf das Schloss, von dessen Familie es später wieder an die Auersperg kam. 1834 erwarb Kaiser Franz I. das Gut für die k.k. Familiengüterdirektion. Nach temporärer Nutzung durch das Verteidigungsministerium kam Wolfpassing 1918 an das Landwirtschaftsministerium, das bis 1924 hier das geflüchtete Lipizzanergestüt untergebracht hatte.
Derzeit gehört das Schloss einem Immobilienbüro mit Sitz in der Schweiz.

Das Schloss ist außen nur ganz einfach durch flache Horizontalgurten zwischen den Geschoßen und durch die Fensterfaschen gegliedert. An der Westseite liegt das Hauptportal, hervorgehoben durch gebogene Gesimse. Die Portalachse war fürher noch stärker betont und zwar nicht nur durch das doppelte Kapellenfenster, das ja heute noch existiert, sondern vor allem durch den großen Uhrturm, der erst 1884 abgetragen werden musste und durch einen kleinen Dachreiter ersetzt wurde. Damals erhielten die Ecktürme, die vorher seit dem späten 17. Jahrhundert schindelgedeckte Zwiebelhelme hatten, wieder die spitzen Kegeldächer. An der Ostfront ist die Lage des zweigeschoßigen Festsaals an den ovalen Ochsenaugen über den hohen Rechteckfenstern zu erkennen. Hier mag es sich um bauliche Änderungen des 18. Jahrhunderts handeln, während die ganze übrige Anlage die Sprache der letzten beiden Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts spricht.

Der prachtvolle rechteckige Hof von 3:4 Achsen wirkt mit seinen in allen Geschoßen von gedrungenen Pfeilern getragenen schweren Korbbogenarkaden ungemein grafitätisch. Der Mittelbogen der Westseite, der unmittelbar vor der Kapelle liegt, ist wesentlich weiter gespannt, wie die seitlichen Begleitbögen. Dem ganzen Pfeiler-Arkaden-System ist ein kräftiger Raster von breiten Mauerbändern vorgeblendet, der allein schon genügen würde, die Wirkung eines leichten renaissancehaften Arkadenschrittes zu unterbinden. Diese massive, schwere Formsprache ist mit dem späten Barock unvereinbar, wenngleich sie auch für das 17. Jahrhundert in dieser Form eher ungewöhnlich ist. Einige Räume des Schlosses tragen noch bemerkenswerte Stuckdecken, die alle in der Zeit um 1690 oder um 1700 entstanden sein müssen, was auf eine intensive Bautätigkeit in den Jahren nach dem Türkeneinfall schließen lässt.

Der Bau wurde damals so gründlich regularisiert, daß die ältere Bausubstanz im Umbau fast völlig aufgegangen und daher nur mehr schwer aufzuspüren ist. Am deutlichsten tritt sie uns in der SO-Ecke entgegen, in der vor dem Turm ein Einsäulenraum des 16. Jahrhunderts liegt und im Erdgeschoß des Turmes selbst noch spätmittelalterliche Wölbungstechnik vermutet werden kann. Die Stichkappen oder eigentlich Gewölbesegel sind dort so tief in die Wölbung eingeschnitten, daß zwischen ihnen nur breite, tief herabgezogene Gurte stehenbleiben, die strahlenförmig in der Wölbungsmitte zusammenlaufen. Über der Haupteinfahrt liegt die künstlerisch bemerkenswerte kleine Kapelle, die sich über zwei Geschoße erstreckt. Der am Kreuzgratgewölbe angebrachte Deckenstuck mit Fruchtgehängen über den Graten und spitzen Akanthusranken in den Feldern weist in die Zeit gegen 1700. Aus derselben Zeit ist der ausgezeichnet gearbeitete Altar, dessen Dreifaltigkeitsbild ein ungemein reich geschnitzter und vergoldeter Akanthusrahmen umgibt, vor dem beiderseits des Bildes je ein Engel schwebt, die zusammen den als Lorbeerkranz gebildeten inneren Bilderrahmen tragen. Darüber fliegen zwei Putti auf Akanthussockeln. Vier schöne Leuchter und ein Altarkreuz gehören ebenfalls zur zeitgleichen Altarausstattung. Die Kapelle besitzt auch eine recht geräumige Empore mit Ballusterbrüstung, die vom oberen Arkadengang zugänglich ist. Dort hängen zwei sehr schöne Rahmenreliquiare aus der Zeit Papst Urbans VIII. (1623-1644), in deren Naturholzrahmen Elfenbeinleisten eingesetzt sind. In der Kapelle werden auch noch zwei Reliquienpyramiden mit Beglaubigungen Papst Clemens XI. (1700-1721) aufbewahrt. Beiderseits des unteren Einganges hängen zwei gute, ovale Heiligenbilder aus der Zeit um 1800. Die Kapelle wurde am 7.7.1935 neu geweiht. Bei dieser Gelegenheit erhielt der Dachreiter eine Dr.-Engelbert-Dollfuß-Gedächtnisglocke. Nördlich vom Schloss liegen Wirtschaftsgebäude mit einem hübschen barocken Turm in der Mitte. 1834 wurde der Gebäudekomplex un die damit verbundenen Besitzungen von Kaiser Franz I. in den k.k. Patrimonialfond übernommen. Bis 2007 beherbergte das Schloss das „Lebensmitteltechnologische Zentrum Wolfpassing“ und ein Internat des Francisco Josephinums. Ab dem Jahre 2013 steht das Schloss Wolfpassing im Besitz der THSW Liegenschaftsbesitz GmbH mit Sitz in Wien.